ARD: Weltspiegel – Libyen: Lieferservice auf arabisch
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Die Geschäftsidee ist einfach, Frauen kochen für andere. Häufig die einzige Art für sie, in Tripolis überhaupt Geld zu verdienen. Eine Lieferservice-App soll das jetzt zu einem erfolgreichen Geschäft in Libyens Hauptstadt machen. Ein Fahrer bringt das Essen zu den Kunden, berichtet Daniel Hechler (ARD-Studio Kairo), denn für die Frauen wäre es zu gefährlich, ihre Gerichte selbst zu verteilen.Mit ein paar Rezepten aus dem Internet fing alles an. Irgendwann kam sie auf den Geschmack. Heute sind asiatische Gerichte Suhala Salhabis Spezialität. Weniger süß als in Fernost, mit lokalen Gewürzen und viel Pfeffer. In Libyen gilt das als exotisch. Die 20jährige wittert darin ihre Chance. Über Facebook bietet sie schon länger ihre Gerichte an. Nun hofft sie auf den großen Durchbruch mit einer App und auf ein bisschen mehr Unabhängigkeit. „Libysche Mädchen werden nie ganz unabhängig von ihrer Familie, egal wie du tickst. Es sei denn, Du heiratest. Aber was das Geld angeht, unterstützen meine Eltern mich total darin, mein eigenes Taschengeld zu haben, damit ich später besser durchs Leben komme.“

 

Chancen und Probleme
Die Yummy-App, das ist ihr Baby, geboren in einem blockierten Land. Eman und Aziza wollen in Tripolis einen Lieferservice auf die Beine stellen. Frauen kochen zu Hause Spezialitäten auf Bestellung. Ein Fahrer stellt das Essen zu. Ein smarter Service, neue Jobchancen und ein gewaltiges Problem. Frage: Was ist eigentlich die größte Herausforderung?  „Pünktlich zu sein“, sagt Eman Tawil, Mitarbeiterin bei Yummy. „Niemand ist hier jemals pünktlich.“

Jenseits von Megastaus und Verkehrschaos aber bleiben einige andere Risiken. Im August liefern sich bewaffnete Banden in Tripolis tagelang Schießereien. Mehr als 100 Menschen kommen ums Leben. Die Sicherheit in Libyen ist auch sieben Jahre nach dem Krieg noch immer so zerbrechlich wie der ganze Staat. Sie haben gelernt, damit zu leben. Nach zwei Stunden Odyssee Ankunft bei Suhala Salhabi zum Probeessen. Das asiatische Nudelgericht mit libyscher Note ist schon angerichtet. Nur: Trifft die Kreation Azizas Geschmack? „Ich mag es“, meint Aziza Adam, Mitbegründerin von Yummy. „Libyer kennen meist nur den Geschmack ihrer eigenen traditionellen Küche und haben Angst, etwas Neues auszuprobieren. Aber das schmeckt ganz ähnlich wie die libyschen Gerichte. Es ist wirklich gut.“

Hunderte Köchinnen haben sie schon gecasted, ein buntes Potpourri von Speisen und Desserts im Angebot. Die App ist startklar. In zwei Wochen soll es losgehen. Angefangen hat alles mit dem Sieg bei einem Startup-Wettbewerb vor eineinhalb Jahren. Seither brennt die junge Gruppe für das Projekt. Das Geld ist knapp, die Vorbehalte groß. Nur jede vierte Frau hat einen Job in einem Land, das Männer dominieren und das vom Krieg gezeichnet ist. „Du darfst dich nicht von Krieg und Zerstörung kleinkriegen lassen“, meint Aziza Adam, Mitbegründerin Yummy-App. „Du solltest immer positiv nach vorne schauen. Nur so kannst du immer wieder neu anfangen. Denn es gibt nichts im Leben, was dich aufhalten kann.“

 

Testlauf in Rekordzeit

Testlauf für Islam al-Zarouk. Für Yummy soll er Suhalas Nudelgericht einer Familie zustellen. Der 30jährige nimmt die Sache durchaus ernst. Seit drei Jahren schon liefert er Waren aller Art aus, kennt die Tricks und Kniffe, um sich mit Vollgas und vollem Risiko durch Tripolis zu schlängeln. „Wir kämpfen mit dem Leben, mit dem Job. Darum geht’s. Man muss ein Krieger sein, um zu überleben.“ Und du gewinnst? „Ja!“In der App sieht er eine riesen Chance, auch für sich, liefert schon nach sensationellen 20 Minuten. Die Fathies warten schon gespannt. Asiatische Kost. Für die Familie eine Premiere. Mutter Fauzieh kocht eigentlich immer selbst. Doch nun scheint sie Geschmack daran zu finden, auch mal was Neues zu probieren. „Ich habe das noch nie gegessen“ sagt Fauzieh Fathie, „weil ich es ekelig fand. Aber es ist ganz anders, als ich dachte. Es ist sehr lecker.“Fotoshooting für die Bestseller von morgen. Aziza und ihre Crew setzen die letzten Gerichte vor dem Start der App Ende November ins rechte Licht. Der Countdown läuft für ein Projekt, das eine kaputte Stadt ein wenig lebenswerter machen soll.

 

(Auszug vom ARD)

PRODUKTION

Produktionsdatum: November 2018

Kamera: Jürgen Killenberger

Schnitt: Frank Sauer

Regie: Daniel Hechler

 

ARD Studio/BildManufaktur Kairo

 

WEITERE INFORMATIONEN

ARD-Pressetext

 

SENDETERMINE

So, 18.11.2018 19:20 Uhr, ARD

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